Poppy: "Concrete" - Musikvideo Analyse und Interpretation

in music •  4 months ago 

Ich möchte endlich mal anspruchsvolle Kunst analysieren hier. Da ich ein Pro bin, gehe ich gleich an die richtig schwierigen Sachen ran, obwohl ich mich an Musikvideoanalysen noch nie ran gewagt habe.

Jetzt nach 2 Wochen hat dieses Musikvideo 1 Mio Aufrufe erreicht. In einigen Monaten wird es meiner Schätzung nach um die 3 Mio Aufrufe haben und irgendwann, vielleicht in ein oder zwei Jahren, sicherlich auch die 10 Mio überschreiten. Wer will bis dahin verstehen, was die Messages in ihm sein könnten?

Viele hören Musik zu Zwecken wie Entspannung oder aus Spaß - ganz nebenbei. Völlig ohne dabei näher drüber nachdenken zu müssen. Bei mir ist es natürlich wieder um einiges komplizierter.

Das hier ist jetzt also mein erster Versuch. Ich nutze die Chance jetzt, da Poppy immer noch regelmäßig liefert. Vor 2 Wochen haben sie und Titanic Sinclair zusammen mit Sumerian Records den Vogel komplett abgeschossen, wie ich finde. Einfach aus dem Grund, weil diese beiden Genies es schon mehrmals geschafft haben dass ich denke "Was soll das?" dann aber später doch darauf anspringe.

Somit bin ich froh, dass ich seit Release das ganze geistig verarbeiten konnte, um jetzt so eine Analyse 15 Tage nach Erscheinungsdatum abliefern zu können. Nachdem ich hier nun also insgesamt unkalkulierbar viele Stunden Arbeit rein gesteckt habe und das Musikvideo ca. 30 mal gesehen und auf verschiedenen Ebenen verinnerlicht habe um so ein einigermaßen, zumindest für mich zutreffendes, Bild zu bekommen, welche Bedeutung ihm denn innewohnt.

Wie dies anmuten lässt, wird das hier allerdings auch nicht einfach, sollten sie jetzt zufällig auf diesen Blogpost gestoßen sein und nicht durch gezielte Suche über Google o.ä.. Das macht aber auch nichts. Denn, wie jemand uneingeweihtes auf ein Musikvideo von Poppy - und dann auch noch so eins - reagiert, würde mich auch mal interessieren. Auch wenn hier jemand Ahnung von Musikgenres hat.

Ich glaube, dass es sehr schwer ist, da die Genres raus zu hören und dass ich es sogar wesentlich einfacher habe, wenn ich einfach auf basis dessen Arbeite, wie das ganze Werk bzw. die einzelnen stellen darin auf mich wirken.

Ich selbst habe nämlich keine wirkliche Ahnung von Genres oder Kunstwissenschaftlicher Analyse bei Musikvideos. Und ich werde auch nicht um jeden Preis versuchen, die genauen Subgenres zu ermitteln, so denn das überhaupt möglich ist. Sonst mache ich mich noch lächerlich wenn ich was falsches sage. Aber ich glaube das kann man hier eh alles getrost hinter sich lassen. Mit dem Vorhaben, ein Musikvideo von Poppy zu analysieren, begebe ich mich auch bereits genug in kopfzerbrechendes Terrain.

Die sind nämlich immer extra so gemacht dass sie schwer zu analysieren und interpretieren sind. Ohne einige Punkte zu missachten oder widersprüche hinzunehmen kommt man hier nicht zu einem Ergebnis, wie sich noch zeigen wird. Zu einem eindeutigen Ergebnis kommt man schon mal gleich gar nicht. Auch fällt es schwer, das Video für sich allein zu betrachten. Weitere Informationen zu Poppy müssen auch miteinbezogen werden. Das einzige was mir hierbei wirklich weiterhilft ist, dass ich Poppy schon seit fast drei Jahren verfolge. Alles zusammen lässt trotzdem noch Verwirrung zurück, wie wenn man ein seltsames, abstraktes Bild vor sich hat und nun deuten soll, was der Künstler eigentlich von einem will. Und das begeistert mich, was letztendlich auch der Grund ist, warum ich dieses Musikvideo so hoch in den Himmel lobe.

Hier natürlich erstmal das Video:

Ich gehe das Video einfach Stück für Stück durch und erarbeite dessen Struktur und Eindrücke. Dabei formuliere ich auch die interpretatorischen Ansätze. Nehmen wir dieses Ding mal so gut es geht auseinander...


Die Erschließung des Werkes - Eindrücke zu Concrete

Das Video hat so etwas wie Intro und Extro. Dazwischen kommt zwei mal der Refrain und dazwischen wiederum noch ein weiterer Abschnitt. Wer jetzt denkt, dass das doch ganz simpel ist, der hat sich aber gewaltig geirrt...


Zu Beginn ist Poppys Gesicht in Nahaufnahme fixiert vor der Kamera in welche sie direkt rein schaut. Sie trägt so etwas, das wie einen Astronautenanzug aussieht, da sich ihr Kopf in einer Gläsernen Kuppel befindet. Um sie herum scheint sich alles immer schneller zu drehen, was durch die Lichter den Anschein erweckt. Es ertönt eine Alarmanlage und zusätzliche gelbe Lichter erglimmen.

Bury me six feet deep (4x)

Sie weist den Zuhörer mehrfach flüsternd an, sie sechs Fuß tief zu begraben. Es wirkt durch die Soundeffekte während anfänglich noch keine Musik läuft auch erstmal hypnotisch. Nur durch die Sirenen wird dieses Gefühl etwas beeinträchtigt.

Bury me six feet deep, cover me in concrete turn me into a street (x2)

Nachdem der Alarm abklingt und sich die elektronische Melodie aufgebaut hat, bittet sie ebenso darum, sie mit Beton zu bedecken und in eine Straße zu verwandeln. Dabei treten noch weitere gelbe, stark erglimmende Lichter und außerdem Erschütterungen auf.

Das war auch schon das gesamte Intro. Danach beginnt direkt in die Hauptperformance. Schauen wir erstmal, was uns dieser Anfang kommuniziert. Es kündigt sich an, dass es ihr um ihren Tod geht und sie deshalb begraben werden möchte. Das wird mit dem Text jetzt schon klar. Sie bittet darum oder gibt das als Anweisung. Die Frage nach dem warum oder wie sie das meint wird jedoch zunächst offen gelassen. Offenbar befindet sie sich aber in einer gefährlichen und tödlichen Situation und glaubt diese vielleicht nicht zu überleben, wenn sie so etwas wünscht. Die Alarmanlagen und auch die Schutzkleidung vermitteln das ebenso wie das Glühen und die Erschütterungen. Das Begraben, mit Beton bedeckt und in eine Straße verwandelt werden scheint das zu sein, was ihr in dieser Situation helfen würde. Denn sie kommuniziert es wie wenn man aus einer gefährlichen Situation heraus unauffällig um Hilfe bittet. Also flüsternd und bittend mit Angst im Gesicht.

Wo sie sich dort befindet ist unklar, aber Gefahr und Lebensgefahr scheint sie zu umgeben. Der Wiederhall der Alarmanlage lässt nur auf eine Fabrikhalle oder so etwas hindeuten. Auf jeden Fall etwas wo es Technologie gibt. Der Alarm könnte ein Feueralarm sein. Es könnte auch etwas mit Radioaktivität zu tun haben, wenn man den Schutzanzug bedenkt, den sie Trägt. Sodass darin ihre Todesursache liegen wird, und man sie deshalb mit Beton bedecken solle, um die Außenwelt vor der Strahlung zu schützen. Auch um ein Raumschiff könnte es sich handeln, worauf die Erschütterungen hinweisen. Ebenso steht in den Kommentaren unter dem Video anscheinend Area 51 zur Debatte...

Diese Einleitung wirkt eben geheimnisvoll und bedrohlich. Auch ihr aufdringliches Flüstern trägt dazu genauso wie natürlich auch die beängstigende Melodie und die unscheinbare Umgebung hervorragend bei. Dieses Intro hat einen gänzlich anderen Charakter als der Rest des Videos und seine Bedeutung wird nicht leicht zu ergründen sein.


Es folgt direkt der Schnitt in eine dunkle neblige Kulisse, wo mit der eigentlichen Performance gleich der Refrain gespielt wird. Es wird einem mit diesem Setup aus E-Gitarre, Bass und Schlagzeug vermittelt, dass hier gerade in ein Hard Rock oder Metal Song startet.

Poppy trägt ein rotes Outfit. Es ist auffällig, aber es ist immer noch typisch für sie. Die drei Interpreten, die die Instrumente Spielen, sind hingegen komplett bedeckt und vermummt. Outfits die nach Kontrast und Dualität ausschauen. Die drei sind schwarz weiß, während Poppy als einzige Farbe trägt. Da Schwarz und Weiß keine Farben sind, soll das wohl auch noch zusätzlich dazu, dass ihr Gesicht das einzige zu sehende ist, verdeutlichen, dass sich hier alles komplett um sie dreht während ihre drei instrumentalen Interpreten nur zu musikalischen Zwecken vorhanden sind. Sie blickt nicht gerade freundlich in die Kamera als sie aus der Dunkelheit heraus sichtbar wird, während der musikalische Auftakt erfolgt. Und wirkt mit dieser Mimik als will sie mit diesem Aufgebot etwas beweisen was wir sonst nicht geglaubt hätten.

Die Beleuchtung blitzt durchgängig, alles flackert, alle paar Sekunden wird mit hoher Frequenz geschnitten, und die Einstellung wechselt dabei auch noch mehrmals für Sekundenbruchteile zu einer weiteren Poppy in einem anderen Outfit und zu den sekundären Interpreten in Nahaufnahme, bevor das ganze in die nächste Eskalationsstufe dieses Auftritts voranschreitet in welcher Poppy beginnt zu singen:

Chewy chewy, yummy yummy yummy
Sharp and pointy, yummy yummy yummy
Break me off a piece of that tasty treat
Sugar in my teeth, demons in my dreams
Watch me while I sleep for eternity

Die Beleuchtung und die Schnitte im Refrain selbst sind dann zwar nicht mehr so schnell wechselnd. Dafür aber wird der Text im Kontrast zu den harten Gitarrenklängen von Poppy mit ihrer sehr hoch gestellten Stimme auch ebenso schnell vorgetragen, während die Klänge um sie herum weiter eskalieren. Um den Kontrast auch in der Mimik zu erzeugen, wechselt sie beim Singen auch noch zu einem freundlichen Gesichtsausdruck.

Bury me six feet deep cover me in concrete turn me into a street

Diese letzte Zeile singt sie stattdessen mit tieferer bedrohlicher Stimme und Mimik, wobei sie dabei im Hintergrund auch noch von den Gitarristen mit Screaming, wie man es z. B. im Black- oder Death Metal findet, unterstützt wird, wodurch der krasse Kontrast zu davor nochmals intensiviert wird. Die inhaltliche Aussage dieser letzten Zeile klingt auch nach einem Thema um das es in einem Death Metal Song gehen könnte. Danach klingt die Musik ab und kündigt erneut etwas anderes an.

Schauen wir uns an was wir haben, bevor wir weiter im Text gehen.

Der Refrain und diese Hauptperformance steht meines Erachtens für Verwirrung, Reizüberflutung und totale Eskalation. Poppy singt von Genuss: Lecker schmeckende Süßigkeiten und Zucker. Der Refrain-Text an sich und die Art wie er gesungen, gespielt und inszeniert wird fühlen sich einfach nach Exzess, Widerspruch und Stress an, wie ich nun hinreichend herausgestellt haben sollte.

Wir haben also sehr viele hintereinander auf uns einprasselnde Audio- und Lichtreize. Thema des Textes sind zudem Geschmacks-Reize. Sie singt auch von Dämonen in ihren Träumen und fordert dazu auf, sie dabei zu beobachten wie sie ewig schläft.

Der Geschmack von Zucker/Süßigkeiten kann zusammen mit dieser exzessiven Musik auch noch repräsentativ für alle möglichen Dinge stehen, an denen man gefallen finden kann. Im Zusammenhang mit Dämonen, von denen sie zusätzlich noch träumt, auch für bösartiges.

Ewigen Schlaf verbindet man zuerst mit dem Tod, was auch mit dem begraben werden wollen zusammenpasst. Jedoch kann man sie dann ja nicht dabei beobachten so wie sie es hier singt - wenn sie dann begraben und außerdem mit Beton bedeckt ist, kann man ihre Leiche nicht sehen. Was man allerdings trotzdem noch sehen kann sind ihre Videos - und die sind natürlich auch für die Ewigkeit erhalten. Das Kulturgut, welches sie erschaffen hat.


Bevor der Refrain zum zweiten mal gespielt wird, wechselt die gesamte Aufmachung und das gesamte Genre erneut als würde man sich auf einmal in einem komplett anderen Musikvideo befinden. Die Stimmung wechselt zu einer ruhigen leichten Atmosphäre mit deutlich langsamerem Tempo. Poppy befindet sich jetzt mit einer Schaufel ausgestattet in freier Natur inmitten einer Rosenwiese und trägt ein mit Kreuzen versehenes helles Outfit. Eine Symbolik, die erneut auf den Tod hinweist.

Some people like candy
Some people like coffee
But these lifeless flavors don’t satisfy me
I tried to eat ice cream
I tried to drink tea
But I need the taste of young blood in my teeth

Sie schildert erstmals ihr eigentliches Problem, jetzt wo sie schon mehrmals den Wunsch geäußert hat, begraben zu werden. Die Thematik mit den Süßigkeiten wird weitergeführt. Sie nennt weitere Beispiele für Genussmittel, aber erklärt, dass sie daran keinen Gefallen findet. Sie benötige stattdessen den Geschmack von jungem Blut zwischen ihren Zähnen. Und mit diesem Satz fängt sie lächelnd an zu graben. Sich geradezu auf etwas freuend. Sei es eine Leiche die sie ausgraben will oder sich selbst zu begraben. Die Helligkeit wird dabei sofort raus genommen und das wars dann mit farbenfrohen Naturszene und heiterer Musik. Diese nimmt dann mit übernatürlich klingendem Chorgesang im Hintergrund eingehend erneut den vorherigen Charakter an, denn es folgt das zweite mal der Refrain.

Die erste Assoziation hierbei ist vielleicht, dass sie eine Leiche ausgraben möchte um an Blut zu kommen. Jedoch ergibt das keinen Sinn, da sie ja explizit von jungem, also wahrscheinlich auch frischem Blut spricht. Bereits im Refrain könnte sie mit "a piece of that tasty treat" eigentlich Menschenfleisch gemeint haben, was jetzt erst offenbart wird. Warum sie jetzt auch nach Blut verlangt, ist also nicht leicht zu erklären und es scheint ihr eher um das Ausheben ihres eigenen Grabes zu gehen. Maximal könnte der Wunsch nach Menschenfleisch oder Blut in Verbindung mit den dämonischen Gelüsten aus ihren Träumen stehen, zu denen sie übergeht, weil beispielsweise Zucker und Koffein ihr nicht weiterhelfen.

Verbinden wir das mit dem Refrain fragt sich, warum sie einmal die Süßigkeiten vor einem Publikum propagiert, jetzt aber erklärt, dass sie damit nichts anfangen kann. Poppy kann keine Freude empfinden an solchen dingen, und wird deshalb entweder auf der Suche nach Genuss zu einer psychopatischen Leichenesserin und Bluttrinkerin oder gräbt sich ein Grab für sich selbst. Indem sie sich mit anderen Menschen, die Zucker und Kaffee mögen, vergleicht, wird auch ein offensichtlicher Unterschied zu normal genießenden Menschen deutlich. Und das stimmt damit überein, dass sie ist kein normal empfindender Mensch ist, sondern eine künstliche Lebensform, die sich vielleicht nach dem Ende ihrer Existenz ohne Genuss sehnt.

Also haben wir hier schon die ersten Hinweise darauf dass sie nicht menschlich sondern künstlich ist. Für den Charakter Poppy ist das eine wichtige Eigenschaft, die in einigen ihrer Werken(Z. B. "Time is up") kommuniziert wird und die wir hier auch beachten müssen.


Dann folgt das zweite mal der Refrain.

Chewy chewy, yummy yummy yummy
Sharp and pointy, yummy yummy yummy
Break me off a piece of that tasty treat
Sugar in my teeth, demons in my dreams
Watch me while I sleep for eternity
Sugar in my teeth, demons in my dreams
Watch me while I sleep for eternity

Dieses mal erfolgen nicht nur Schnitte hin zu einer zweiten Poppy sondern auch zu ihr wie sie in der Dunkelheit lächelnd das Grab aushebt. Die Eskalation die wir vom ersten mal Refrain kennen wiederholt sich ansonsten noch einmal. Nur dass dieses mal nicht noch mittels Gesang zum Begraben aufgefordert wird, denn das Grab wird ja zeitgleich bereits ausgehoben.

Die Musik klingt schließlich erneut ab und man hört dann die Menge:

Poppy (5x)

Vor dem Übergang zum letzten und abschließenden Sinnabschnitt des Musikvideos hört man die Zuschauer vor der oder um die Bühne herum Poppys Namen rufen. Vielleicht als würden sie sie um Zugabe bitten oder bitten etwas zu ändern. Es klingt wie ein Beifall, wirkt für mich aber auch wie eine bitte, denn diese ganze Performance fühlt sich insgesamt wie etwas an, was die Zuschauer von Ihr nicht gewohnt sind und erwartet hätten.

Poppy hält inne und scheint nachzudenken. Scheint sich kurz zu fragen, was sie hier macht, und sich dann, bewegt von den Zuschauern, zu etwas anderem zu besinnen.

So beginnt sie die letzte Strophe des Liedes.

Bury me six feet deep and just cover me in concrete please
Turn me into a street, turn me into a street
I don’t wanna wait forever and ever, please
Turn me into a street (4x)

Die hastigen Schnitte, das Schrille, die Hard Rock und Metal Klänge und die schnell wechselnden und flackernden Lichter - alles was zuvor nach Eskalation und Chaos anmutete - hören auf einmal auf. Der Song hört sich in diesen letzten Momenten stattdessen komplett Melodisch und angenehm an, nachdem man zuvor von Reizen komplett überstrapaziert wurde. Poppy schaut auch gar nicht mehr böse oder bedrohlich sondern überaus freundlich und hat beim Singen außerdem eine Hand auf dem Herz. Sie trägt ihr Anliegen wie einen sehnlichsten Wunsch vor.

Einige Kommentare verraten auch, dass viele Zuschauer sich einen Song in komplett diesem Stil gewünscht hätten. Sie hat sich während des schwer erträglichen Konzertes zuvor verstellt. Hat solch harte und anstrengende Musik spielen lassen und von Süßigkeiten gesungen. Obwohl sie diese wie dazwischen erklärt nicht genießen kann.

In dem Moment wo die Zuschauer ihr zurufen, entscheidet sie, sich gegenüber diesen als die Person, die auf der Bühne im Rampenlicht steht, nicht mehr zu verstellen. Sondern ehrlich das zu kommunizieren was sie wünscht: Sie möchte nicht für die Ewigkeit warten sondern jetzt endlich begraben werden. Und ruft abschließend noch sechs weitere male dazu auf, sie in eine Straße zu verwandeln, während das Lied ausklingt. Die allerletzten Momente zeigen immer noch wie die das Grab aushebende, enthusiastische Poppy im Regen fast fertig mit dem Graben ist bis das Bild langsam schwarz wird.

Dass sie sonst für die Ewigkeit warten müsste, wie sie hier noch zusätzlich erwähnt, impliziert, dass sie nicht sterblich ist. Weil sie technisch gesehen als Roboter, Cyborg oder im übertragenen Sinne als Popstar ein unsterbliches, künstliches Lebewesen ist. Klar, Poppy spielt eine Rolle und stellt im Grunde selbst ein Kunstwerk in Person dar. Auch in Interviews hört das nicht auf und sie gibt z. B. an, am Nacken einen ein- und aus-Schalter zu besitzen und erzählt dass "sie"(entweder die Produzenten oder irgendeine ominöse Gruppe) sie dazu bringen, das alles zu tun was man von ihr sehen kann. Sie wird in diesem Szenario ihres Mysteriums eingeschaltet, wenn sie für Musik, Auftritte oder Videos benötigt wird und wacht dadurch auf, nachdem sie mit Makeup und allem schon dafür vorbereitet wurde.

Dass sie uns anweist sie zu begraben impliziert auch, dass sie es nicht selbst tun kann. Sondern wir das machen müssen. Auch wenn sie es in der zweiten Einstellung ja doch selbst tut, steht das im Einklang damit, dass ein Popstar nur durch seine Fans zu einer Kultfigur wird. Da Poppy eine Parodie auf das Konzept Fame an sich ist, halte ich diese für die sinnvollste Interpretationsmöglichkeit. Jede Kultfigur kann nur durch ihre Verehrer begraben werden. Natürlich sind Unsterblichkeit oder Fame nicht ihre einzigen Attribute, jedoch die die hier anscheinend am meisten Sinn ergeben.

Fame ist wichtig für sie, jedoch gibt es keine Evidenz für die Existenz eines Poppy-Kults.


Jetzt wo wir das Video komplett durchgegangen sind und viele der Bedeutungen schon rausgearbeitet haben, will ich noch auf entscheidende Elemente eingehen und denen die möglichen Bedeutungen zuschreiben, welche schließlich die mehr oder weniger finalen Gesamtaussagen des Werkes ergeben. Letztendlich ist das aber natürlich nur meine persönliche Deutung.

Nun könne man ja, bevor man zu den tieferen Bedeutungen von "Concrete" geht, schauen was für Musik das eigentlich ist. Aber wie nun klar wurde, ändert sich diese mehr als drei mal. Gehen wir erst dieser Sache nach und widmen uns dann noch der Frage, was Beton ist oder bedeutet.


Die Genres von Concrete

Die Besprechungen zu der Frage, welches Genre man denn nun machen solle, könnten sich im Vorfeld der Produktion in etwa so angehört haben:

"Which genre shall we make this time?" - Poppy: "Yes."

Dies konnte man in den Kommentaren so oder in anderer Form mehrmals lesen. Und es ist wirklich passend. Das ganze hört sich an nach 3 Genres und 15 Subgenres verwendet und 5 Genres neu erfunden.

Der Song wird unter anderem vor allem den Alternative Metal zugeschrieben, welches genau für das Vermischen von Metal mit anderen Richtungen und für das Experimentieren steht, ohne dass dabei eine eindeutige Richtung vorhanden ist, geschweige denn eine Subkultur oder Szene zu der das ganze gehört. Es gibt bei Alternative Metal keine einheitlichen stilistischen Merkmale, bis auf die Verbindung von Metal mit anderen Musikstilen. Dies sagt mir, dass das Zuordnen des Songs in andere Kategorien für z. B. Musikzeitschriften und Magazine schlicht unmöglich ist. Die Schublade Alternative Metal scheint gewählt werden zu müssen, weil das einfach das Genre mit den wenigsten Spezifikationen ist.

Man kann mindestens 4 verschiedene Genres und sicherlich noch mehr Subgenres ausmachen, zu denen sich Ähnlichkeiten und mögliche Zuordnungen finden lassen. Dadurch scheint es so, als würde Poppy sich unbedingt unkategorisierbar machen wollen.

Kann man hier schon davon sprechen, dass ein oder gar mehrere Genres neu erfunden wurden oder handelt es sich nur um eine Mischung, die dazu dient, den Zuhörer absichtlich zu verwirren?

Zu Verwirrung und Reizüberflutung kann das jedenfalls schon führen. Concrete ist geradezu als eine Art chaotisches Werk und Achterbahn zwischen verschiedenen Musikalisch vermittelbaren Emotionen angedacht. Das könnte auch noch mal für die verschiedenen Geschmäcker stehen. Nur eben Musik-Geschmacksrichtungen. Als könnte Poppy sich für keinen eindeutigen Musik-Charakter entscheiden, weil sie als künstliche Lebensform für nichts davon etwas empfindet. Ebenso wie mit Süßigkeiten, Eiscreme oder Tee für Nahrungsmittel gilt das auch für Musik.

Ich selbst finde den Song schwerer zu ertragen als andere ihrer Werke, die im Gegensatz zu Concrete echtes Wohlbefinden auslösen können. Ganz am Ende ist es dahingegen sehr angenehm. Auch das könnte Absicht sein, wenn sich das für den Zuhörer wie eine Erlösung anfühlen soll, nachdem man zuvor von der Musik eher gestresst wurde. Da das auch der Punkt am Ende des Videos ist, an dem Poppy ihr Grab fertig ausgehoben hat und sich bereits die besagten 6 Fuß unter der Erde befindet. An diesem Punkt, wo sie begraben ist, sind beide Seiten erlöst. Sie selbst ebenso wie die von ihr besessenen Fans.

Das Werk ist nicht vorrangig wegen seiner musikalischen Seite so etwas tolles. Der Wechsel zwischen Genres wird womöglich fast schon als Stilmittel eingesetzt, worunter die musikalische Verträglichkeit eher leidet, was natürlich aber auch vom eigenen Empfinden abhängt. Die meisten wird es aber wahrscheinlich eher durcheinander bringen. So wird der Song wie bei Poppy gewohnt als weird bezeichnet.


Die Bedeutung von Beton und der Straße

Ja - was es bedeutet wenn eine Popsängerin mithilfe von Beton in eine Straße verwandelt werden möchte - das ist es was wir hier versuchen herauszufinden.

Beton und Straßen müssen auch aufgrund des Titels "Concrete" eine wichtige Bedeutung haben. Deshalb verwunderte es mich auch nicht, dass man hier tatsächlich die wichtigste Message finden kann, die sich zudem mit Poppys Facette als Popstar-Parodie in Einklang bringen lässt.

"Bury me 6 feet deep, cover me in concrete, turn me into a street. "

Ist die am meisten geäußerte Aussage im Song.

Eine Straße kann als Weg zum Weiterziehen stehen. Indem wir Poppy begraben und in eine Straße verwandeln können wir sie hinter uns lassen und auf dieser Straße weiterziehen. Mit den Erfahrungen die Poppy uns gegeben hat. Sie bittet uns nicht wirklich, sie zu begraben und, wie man es zuerst verstehen könnte, auf ihrem Grab dann eine Straße aus Beton zu bauen, sondern eher darum, sie hinter uns zu lassen. In dem sinne, dass man sich mit etwas anderem beschäftigt. Was für sie als Popstar ja gleichbedeutend mit dem Tod ihrer Karriere wäre. Wenn sich ihre Fans sich nicht mehr mit ihr beschäftigen und ihr nicht mehr nacheifern, ist sie tot.

Diese Interpretation ergibt auch deshalb sinn, weil sich das mit der Message aus einem ihrer ersten bekannteren Songs überhaupt deckt: "Everybody wants to be Poppy" in welchem es darum geht, dass jeder so sein will wie sie, sie aber in ihrem Lied dazu aufruft, das nicht zu tun, sondern dass man lieber man selbst sein solle.

Beton als metaphorisches Baumaterial stellt wohl den Schlüssel dazu dar, Poppy in eine Straße umzuwandeln. Und deswegen heißt der Song so, denn er enthält ja die Anweisung dies zu tun. Und mehr braucht der Zuschauer nicht.

So enthält Concrete ein Zeichen gegen von der Unterhaltungsindustrie vorgesetzte Superstars, Promis und Influencer, zu denen oder deren Klischee der hochgekünstelten und gezüchteten Übermenschen Poppy die Parodie schlechthin ist. Als solche fordert sie zum Ablassen von ihr selbst auf.


Fazit, weitere Ansätze für Theorien und abschließende Gedanken

Neben dieser bestimmt wichtigsten Bedeutung gibt einiges an ungeklärten Elementen und auch Widersprüchen. Man sieht, dass es nicht leicht ist, aus Concrete schlau zu werden. Beeindruckend ist es aber dadurch umso mehr.

Ob sie eine Leiche essen oder selbst zu einer werden möchte war zuerst nicht ganz klar. Das mit dem Blut hat sie jedenfalls nur einmal erwähnt. Auch ist es ein Widerspruch, zum Ausheben eines Grabes für sie aufzufordern das dann aber selbst zu tun. Wofür das Intro stehen soll, kann ich ebenfalls nicht abschließend ermitteln. Im Zusammenhang mit Menschen essen und Blut trinken kann man bei der Anlage am Anfang von etwas ausgehen, das speziell dazu konzipiert ist, Poppy zu zerstören, da sie eine Gefahr darstellt welche eliminiert werden muss. Das Essen von Menschen und Trinken von Blut könnte auch eine Anspielung auf Verschwörungstheorien sein, dass Promis Blut trinkende Satanisten sind.

Das alles wird sicherlich auch genauso wie die diffuse Auswahl der Genres und Settings dazu gedacht sein, das Werk noch seltsamer zu machen, um im Vergleich zu früheren Kreationen noch einen drauf zu setzen. Auch muss der Mystery-Faktor von Poppy natürlich aufrecht erhalten werden. Man kann nicht einfach ein schlüssiges, eindeutiges Werk abliefern. So wird sie noch zusätzlich zur Unsterblichkeits- und Superstar-Facette dämonisiert. Träumt von Dämonen und äußert den Wunsch, Blut zu konsumieren. Am Anfang wirkt sie in Gefahr, dann scheint sie zuweilen selbst die gefährliche irre zu sein und am ende ist sie wieder eine sympatische, charismatische Sängerin.

Concrete hat eigentlich alles was es braucht: Etwas geheimnisvolles, es wird Eskaliert, es ist eine schwer zu ergründende und auf außergewöhnliche Weise verpackte Message drin, es wird wieder versucht komplett zu übertreiben und ein Teil der Musik hört sich auch gut an. Natürlich ist es auch ein technisches und inszenatorisches Meisterwerk. Die Form von moderner Kunst für die ich einen Bedarf habe. Weshalb ich Poppy natürlich nicht begraben werde. Ich bin äußerst dankbar dafür in dieser modernen Zeit im selben Zeitalter wie Poppy zu leben, um meine geistige Entwicklung und mein Wohlergehen auch mithilfe solcher Werke zu bestreiten. Ebenso geht von mir deshalb natürlich Dank an sie, Titanic Sinclair und alle die daran mitgewirkt haben.

Ob man jetzt auf der Straße, in die man Poppy verwandeln soll, fortschreitet oder für ewig ihren Content konsumiert, bleibt wohl jedem selbst überlassen. Jedoch könnte es sein, dass dies beides auf das selbe hinausläuft.

Ich denke sie amüsiert sich darüber, solche Werke abzuliefern und über Leute wie mich die versuchen daraus schlau zu werden:


Für die, die mal wieder nicht so recht was mit dem neuen Musikvideo anfangen konnten hoffe ich, dass ich euch einige Ansätze liefern konnte.

Zu "Time is UP" kommt hier auf jeden Fall auch noch irgendwann eine Analyse. Da geht es ja auch um künstliche Intelligenz und das sollte hier auf jeden Fall Thema sein bei mir.

Hier geht es zur englischen Version dieses Beitrags:
Musikvideo Analyse zu "Concrete" auf englisch

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Alter, so umfangreich dein Text und man versteht Poppy etwas besser ,weil man gezwungen ist über sie als Kunstfigur nachzudenken..
Schon immer haben Menschen versucht Kunst zu analysieren und zu verstehen. Es fasziniert sie wenn etwas neues da ist und Poppy schafft einen komplett neuen Stil von "Kunstmusik", wie viele es versuchen, aber sie hat das Talent es ästhetisch aber auch spannend umzusetzen.
Daher wohl auch diese Idee des Kults aber sie ist selber der ganze Kult als Objekt Anführer und .
Sie ist wie eine Königin eines neuen Volk das sie gegründet hat und titanic ist sozusagen der Strippenzieher im Hintergrund und sie das gefeierte Objekt, das alle fasziniert und hypnotisiert.. und der "Beton Song" verfestigt und vereint das alles in sich die ganze Verkörperung (eben die Aufgabe von Beton).
Da kommen sozusagen alle Elemente alle Genres inklusive der "Staatsbotschaft " vor, Ich hoffe sehr, dass sich einige aufgeweckte und "lebendige" Menschen noch ihrem Stil anschließen werden.


Einige Leute mögen Bonbons.
Einige Leute mögen Kaffee.
Aber diese leblosen Aromen befriedigen mich nicht.
Ich habe versucht, Eis zu essen.
Ich habe versucht, Tee zu trinken.
Aber ich brauche den Geschmack von jungem Blut in meinen Zähnen


Du solltest ein eigenen Artikel über sie schreiben.

komisches Zeug ausm Sozialen Netz 🤗 Das war mal was erfrischendes aufm Steem.

Das bestätigt eine Beobachtung die ich seit längerem mache. Würde Belle delphine, billie eilish und andere Gestallten erklären die plötzlich in Film und Funk populär machen was bisher ein kurioses Nieschendasein fristete >>die creepige Seite YouTubes<<. Aber wieso denkst du das anti-pop-pop kein pop ist ? Wenns der Mainstream feiert ist etwas ja auch kein Punk mehr 🤷‍♀️

Danke, natürlich ist es das. Ich habe ja hier auch nicht das Interesse, einen Blog zu machen, auf dem es nur um Steem, Krypto und nochmals Krypto geht.

Genau so kann man es auch ausdrücken, Poppy ist etwas das bisher ein kurioses Nieschendasein fristete und inzwischen eher Musik macht. Dass ich damals durch einen Creepypasta-Kanal auf sie gestoßen bin bestätigt das. Wie du anscheinend beobachtet hast, gibt es noch andere von solchen Phänomenen, was auch nicht verwunderlich ist.

Ich denke nicht, dass das hier kein Pop ist. Aber der Mainstream feiert es ja noch nicht oder hat es noch nicht entdeckt und ich bin froh so eine Nische gefunden zu haben. So bin ich nicht auf Mainstream-Musik angewiesen. Dein Beispiel Billie Eilish ist da schon näher dran, wie ich gerade sehe.

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