Das Börsengeschehen der letzten Wochen - Was, wie, warum?

in deutsch •  5 months ago 

Liebe Steemitgemeinde,
Liebe Freiheitsfeinde,
Liebe Freiheitsfreunde,

in den letzten Wochen konnte man an den Börsen dieser Welt etwas erleben, das viele der jungen Trader und Aktionäre noch nie gesehen haben - einen Crash.

Ich bin ja schon 25 Jahre im Geschäft und habe so einige Crashs gesehen, jedoch die Geschwindigkeit in der das Ganze dieses Mal abgelaufen ist, habe auch ich noch nicht erlebt.
Etwa 30% Verluste in den Indizes innerhalb 3 Wochen ist schon sehr extrem.

Schauen wir uns das Ganze einmal genauer an.

Was, Wie, Warum?

Die Frage “Warum"? sollte man eigentlich an der Börse niemals stellen.
Es spielt sowieso keine Rolle. Die Finanzmärkte tun was sie tun müssen.
Aktuell wurden halt die Risiken der Coronavirus-Pandemie, ihre Auswirkung auf die Wirtschaft und die Auswirkungen des politischen Handelns eingepreist.
Ob die Risiken richtig eingepreist wurden, kann nur die Zukunft zeigen.
Grundsätzlich kann man aber sagen, dass zu viel Euphorie, Übertreibungen und Nachlässigkeit in Bezug auf Risiken von den Märkten immer irgendwann bestraft werden.
Das war schon immer so und wird sich nie ändern.
Auch in der Natur können wir diese Prozesse beobachten.
Stabile Verhältnisse gibt es nicht und wenn dann nicht sehr lange.

Die Zahl der Wühlmäuse steigt, weil das Nahrungsangebot gut ist. Entsprechend steigt auch die Anzahl der Greifvögel.
Dies wiederum reduziert die Zahl der Wühlmäuse und wegen des nun vorherrschenden knappen Nahrungsangebotes, reduziert sich auch die Anzahl der Greifvögel wieder.

Die Menschen wünschen sich aber stabile Verhältnisse und deshalb wird dann von der einen Seite des politischen Spektrums auf die Zentralbanken und den Staat im Allgemeinen geschimpft, von der anderen Seite wird auf die bösen Spekulanten geschimpft.
Sehr schnell zeigt sich auch dann die wahre Natur bestimmter Personen.
Wer früher noch nach freien Märkten geschrien hat, will plötzlich, dass der Staat eingreift und Short Selling oder Derivate verbietet.

Alles was die Politik in solchen Situationen tut, verschlimmert die Situation in der Regel noch.
Oft werden die negativen Folgen dieses politischen Handelns aber erst viel später sichtbar.

Mein Freund Tom Sosnoff sagt dazu immer:

Don’t mess with mother nature. Do not interfere in free markets.

Die Frage nach dem Warum ist aber in der jetzigen Situation trotzdem interessant, weil man aktuell sehr gut nachvollziehen kann, warum sich bestimmte Märkte so verhalten haben, wie sie sich verhalten haben.

S&P 500 Index

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Bildquelle: tastyworks.com

Hier gibt es nicht viel zu sagen.
Risiken wurden eingepreist. Die Märkte sind gefallen und in der letzten halben Stunde am Freitag stark gestiegen, weil Donald Trump zahlreiche Hilfsmaßnahmen angekündigt hat.
Man wird sehen ob die Rally am Freitag bestand hat.
Teilweise wurde vorübergehen der Handel in den Futures ausgesetzt, weil die Circuit-Breakers angesprungen sind.
Fallen die Kurse um 5% oder steigen um 5% im overnight Handel, dann wird der Handel bis zur offiziellen Eröffnung ausgesetzt. Man darf dann nur noch zum ask price kaufen, falls die Märkte lock limit down sind bzw. zum bid price verkaufen, wenn die Märkte limit up sind.
Am Freitag konnten wir z.B. erleben, dass die Märkte im overnight Handel limit up waren, weil die Kurse mehr als 5% gestiegen sind.
Diese Circuit Breaker sollen die Märkte beruhigen, ich bin aber kein Freund davon, weil man sich dann eben anderen Märkten zuwendet.
Als Hedgefonds in Schwierigkeiten bleibt einem gar nichts anderes übrig.
Aber dazu weiter unten mehr.

Treasury Bonds (Ultra Bond Future)

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Bildquelle: tastyworks.com

US Staatsanleihen gelten in Zeiten der Krise als sicherer Hafen.
Deshalb sind die Kurse hier auch anfangs stark angestiegen.
Steigende Anleihenkurse führen zu sinkenden Zinsen und umgekehrt.
Die Zentralbanken hatten hier übrigens wieder einmal nichts damit zu tun.
Als die Fed die Zinssenkungen angekündigt hatte, waren die Zinsen an den Märkten längst gefallen.
Nun steigen sie übrigens wieder stark an.

Man sieht, dass die Anleihenkurse in der Nacht von Sonntag auf Montag begonnen haben extrem zu steigen, später aber dann wieder nachgegeben haben.

Warum sind sie so extrem gestiegen?
Weil in den Futures und Aktienmärkten der Handel ziemlich lange ausgesetzt wurde.
Das Mittel der Wahl eines Hedgefonds, aber auch der Market Maker, um seine Aktienpositionen bzw. sein Delta Risiko zu schützen ist normalerweise der S&P 500 oder Nasdaq Future. So lange man noch liquide ist verkauft man Futures, um von fallenden Kursen zu profitieren und um die Verluste mit seinen long Positionen auszugleichen.
Irgendwann reicht aber die eigene Liquidität nicht mehr aus und es gibt einen Margin Call, das heißt, man schafft entweder mehr Geld ran oder die Positionen werden zwangsliquidiert.
Dies befeuert den Crash natürlich noch und der Handel wird bald ausgesetzt.
Die Rohstoffmärkte und Anleihenmärkte bleiben aber in so einer Situation weiterhin offen.
Also bleibt den Hedgefonds und Market Makern nichts anderes übrig als Öl zu shorten oder Bonds zu kaufen.

Warum sind die Anleihenkurse nachher so stark gefallen?
Hier gibt es keine klare Antwort.
Hier meine Erklärung:

  1. Sogenannte Risk Parity Funds (Investmentfonds, die etwa 50% in Aktien und 50% in Anleihen investiert sind), mussten ihre Anleihen liquidieren, um den Geldabfluss durch verkaufende Kunden auszugleichen bzw. wegen Margin Calls.

  2. Die Märkte erwarteten neue Verschuldungsorgien der Staaten, um Konjunkturprogramme zu finanzieren, d.h. die Kreditnachfrage steigt, deshalb müssen auch die Zinsen steigen.

Öl

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Bildquelle: tastyworks.com

Beim Öl wurde natürlich auch die neue Situation eingepreist.
Es wird in nächster Zeit viel weniger geflogen, Unternehmen machen vorübergehend dicht, es wird also weniger Öl verbraucht werden.
Hinzu kommt noch, dass die Absprachen über die Förderungsmenge der OPEC Länder nicht mehr funktionieren.
In Wirklichkeit hat das Ölkartell noch nie funktioniert.
Es liegt in der Natur bestimmter Menschen sich nicht an das zu halten, was ausgemacht wurde.
Wenn sich alle an eine Drosselung der Fördermenge halten, um den Ölpreis hoch zu treiben, habe ich einen Vorteil, wenn ich meine Fördermenge nicht drossle.
Da sich von den OPEC Ländern keiner über den Weg traut und jeder bescheißt, fällt jedes Kartell schnell in sich zusammen.
Zusätzlich wurden die Ölfutures (als Short) noch zum Hedgen verwendet, als bei den Indizes-Futures der Handel ausgesetzt wurde, wie weiter oben schon beschrieben.

Gold

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Bildquelle: tastyworks.com

Gold war vor der Krise stark angestiegen, jetzt musste man es liquidieren, um den Margin Calls, die man wegen seiner Verluste in den Aktienmärkten bekommen hat, nachzukommen.
Wie so oft lagen die Crashpropheten, die davon träumen, dass sie ganze Mietshäuser für eine Hand voll Goldmünzen kaufen können, wenn das Finanzsystem crasht, falsch.

VIX

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Bildquelle: tastyworks.com

Der Volatilitätsindex (VIX) wird oft als Angstbarometer bezeichnet.
Dies ist aber nur die halbe Wahrheit.
Der VIX zeigt ganz einfach die erwartete und in den Optionsmärkten eingepreiste Schwankungsbreite des S&P 500 Index an.
In der Spitze war der VIX bei 76, das heißt in dem Moment haben die Optionsmärkte eine Schwankungsbreite von 76% über die nächsten 365 Tage nach unten oder oben erwartet.
Der VIX ist das einzige mean reverting Instrument an den Finanzmärkten, d.h. er kommt immer wieder zurück, die Frage ist nur wann.
Der Durchschnittspreis des VIX der letzten 30 Jahre war bei etwa 19, was einer täglichen erwarteten Schwankungsbreite von 1% im S&P 500 Index entspricht (Schlusskurs des S&P 500 * VIX/100 *√1/365).
Da wir die letzten Jahre die meiste Zeit darunter langen, musste es irgendwann zu dieser Explosion kommen.

Wie geht es weiter?

Ich habe keine Ahnung und jeder der sagt, er wüsste was passiert, der lügt.
Alles was ich weiß, ist, dass die Aktienmärkte in den nächsten 30 Tagen eine Schwankungsbreite im S&P 500 Index von 450 Punkten nach oben oder unten eingepreist habe.
Eine genauere Voraussage gibt es nicht.

Was sich aber wie so oft gezeigt hat ist, dass man als passiver Investor tatenlos zuschauen muss, wie sich sein Vermögen verringert. Als aktiver Trader, vor allem als Premium Seller, kann man die hohe Volatilität und die extrem hohen Optionspreisen zu seinem Vorteil nutzen oder zumindest seine Verluste begrenzen.
Natürlich nur wenn man weiß, was man tut und nicht übermütig wird.
Sonst kann es in so einer Situation schnell zur Totalpleite führen.

Schönes Wochenende,
Stephan Haller

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Wir schauen heute Abend alte Bud Spencer Filme. Deine Wortmeldung war ähnlich gut!!

Nein in dieser Liga kann ich nicht mitspielen.
Sie nannten ihn Mücke würde bei mir sämtliche Oscars abräumen.

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Don’t mess with mother nature. Do not interfere in free markets.

@tipu curate

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Auch ich habe natürlich keine Kristallkugel, die mir die Zukunft zeigt. Ich versuche eher aus der Vergangenheit zu lernen.
Das was z.Zt. abläuft, erinnert stark an den Beginn der Großen Depression ab 1929. Also noch vor Deiner Zeit. :)
Der jetzige Absturz gleicht dem Beginn dieser Zeit, dem Börsen Crash im Oktober 1929. Da ging es auch ruckzuck 25-30% runter. Danach folgte eine leichte Erholung - aber das war nur der Anfang vom Elend. Bis mitte 1932 verlor der Dow gut 90% von seinem Höchstwert vor Oktober 1929.
Und die Weltwirtschaft lag in Scherben, die Politik war - wie immer - handlungsunfähig. Was letztlich in Deutschland Hitler an die Macht brachte - der Rest ist ja bekannt.
Es geht also weis Gott nicht nur um ein paar Zocker die mit Aktien reich werden wollen. Die denken, es gibt sowas wie eine Erfolgsgarantie. Und solange die Zentralbanken mit Geld um sich werfen, stimmte das auch. Aber diese Zeiten sind vorbei, denke ich. Sie werden vieleicht versuchen, mit noch mehr QE was zu retten, aber ich glaube nicht das das funktioniert. In den USA werden mittlerweile Billionen verteilt - Milliarden reichen schon gar nicht mehr um was zu ändern.

Ich würde sagen, ab jetzt heißt es: "Run for the hills!" Und das einzige, was noch etwas Sicherheit bietet, ist das EM und Grundbesitz. Auch wenn Gold und Silber gerade abstürzt, das wird nicht so bleiben. Ich werde wohl nächste Woche noch etwas Silber aufstocken. Die G/S Ratio ist bei 104 - der höchste Wert seit 5000 Jahren!

Zerohedge oder?

Jede Krise ist anders.
Das mit der Gold/Silber Ratio hieß es schon bei 65.

Niemand weiß irgend etwas.

Nein, mit Zerohedge habe ich nichts zu tun.

Beobachten, vergleichen, nachdenken, das reicht. Sicher ist jede Krise etwas anders. Seit 1929 sind 90 Jahre vergangen, da ist natürlich vieles anders. Manches bleibt aber auch gleich. Die Art wie Menschen denken und reagieren z.B. Und einige Grundregeln des Handels auch - auch wenn einige oberschlaue Akademiker meinen sie könnten das Rad neu erfinden.

Nein, niemand weis was genaues, außer das wir ziehmlich tief in der Scheiße stecken.